Man belehrte uns über das Hungern des Leibes. Man lobte das Hungern nach der Fremde. Man berichtete vom Wissendurst. Man drosch uns das Hungern des Herzens um die Ohren, bis sie uns abfielen. Man verschrieb uns Popsongs und das Schmieden von Plänen. Man verschwieg die Verfettung des Leibes, der Fremde, des Geistes, des Herzens; man betrog uns um das Hungern.
Wow, sind wir satt.
Die griechische Mythologie besagt, dass die Menschen ursprünglich Geschöpfe mit acht Gliedmaßen und zwei Gesichtern waren. Zeus jedoch, der ihre große Macht fürchtete, brach jeden Einzelnen entzwei und verurteilte sie damit zur ewigen Suche nach ihren verlorenen Hälften.
“Täuscher.”
Der senkt den Kopf, und recht beliebig kommt ihm in den Sinn, dass die physikalische Welt farblos ist. Licht gewisser Wellenlängen wird als Farbe wahrgenommen,
die eigentliche Farbwahrnehmung jedoch entsteht einzig im Gehirn.
“Schau, das Problem ist überhaupt alles”, und: “Barfuß oder Lackschuh, man bedient sich toter Bäume, um totes Vieh vom Hintern zu wischen. Und bist du auch die reizendste Kohlenstoffdioxidfabrik von allen; verwechselst du den Duft meines Weichspülers mit meinem Eigengeruch, dann machst du einen Teil von mir ungeschehen.”
“Heuchler”, nennt sie ihn,
aber, ach, dieses gegenseitige Anklagen ist kein Leichtes;
doch, hurra, wem war das je ein Hindernis?
Da sagt er sich, dass das Erfahren bedingungsloser Zuneigung ohnehin nur alle persönliche Entwicklung bremst. Man täte somit gut daran, sich unter die Schakale, Neider, Lumpen zu rühren. “Und wird dir das Rückgrat kalt, dann wächst du”, faselt er,
und übersieht, dass er sie alle inhalieren wird. Staub ist die abgelegte Haut all derer, die uns umgeben. In Kleinigkeiten betritt man einander und wird eins.
Entweder, oder.
Bleibe in Formaldehyd konserviertes Aas oder werde selbst das Ungeheuer.
“Chorale Gesänge tragen die Helden nach Valhalla. Deserteure landen im Restmüll”,
hört er sie sagen, und
“Dein Herz ist ein Hase”.
Doch wissen letztlich beide um das Herz. Es ist kein wilder Garten.
Das Herz ist ein rhythmisch kontrahierendes Hohlorgan.
Also applaudiert man den Vorzügen eines belanglosen Daseins, und einigt sich:
“Die Liebe ist der Liebe Kritik.”
Und man geht
und bleibt gegangen.
“Da ist man schon jene glückliche Kaulquappe unter 4 Millionen, welche den Eizellenjackpot knackt, und unter’m Strich wäre man lieber im Hoden geblieben. Bevor es mich erwischt beschaffe ich all denen, die mir lieb sind, noch einen Kalender, und jedes verdammte Blatt wird eine Grafik zieren. Mein Name, dargestellt mittels Kieselsteinen, Guppis, Herbstlaub und ähnlichem Unsinn. Als Geist werde ich prüfen, wie viele von ihnen dieses unsägliche Ding aufhängen, und ich schwöre; alle, die es nicht tun, die werde ich heimsuchen.”
“Auszug: Violet” vertont, als Nebenprodukt der Sonntagssession.
Manches Mal war ihr der verblüffende Trick geglückt, ihr Empfinden als etwas vollständig Gelöstes zu betrachten; nur so erschien es ihr erträglich.
Sie nahm es dann vor sich wie ein kleines Tier, wie ein halbwildes Geschöpf, dem man sich nur in Halbschritten nähern durfte, wenn man es nicht verschrecken wollte. Sie hob es behutsam an die Brust und widmete seiner Besänftigung alle Geduld und Zärtlichkeit.
Doch war ihr Gemüt nicht winterfest, und der Sommer, so schien es, machte sich zunehmend so eigentümlich klein, während zu allen Seiten stets schon der Herbst lauerte. Wenn vor dem Glas der Fenster die Blumenerde gefror, dann stellte Yuri ein Einmachglas voll Augustluft auf Marias Nachttisch. Es erinnerte sie an träge Vormittagsstunden, deren Lichtflut einen Abzug aller Eindrücke auf geschlossenen Augenlidern hinterließ;
an warmen Kies, den Geruch früher Äpfel und daran, wie sie gewollte Formen in jungem Geäst zu erkennen glaubte.
“Man sagt also, in allen Dingen schlafe ein Lied.
Wenn man nur genau hinhöre, dann könne man von den Gewässern das Fließen lernen, vom Gestein die Geduld und von den Pflanzen das Erblühen.
Ich bevorzugte es, mich taub zu stellen. Ich fürchtete, ich würde vom Wasser nur lernen, wie man gefriert, vom Gestein, wie man sinkt und von den Pflanzen das Welken.
Violet. Ein veilchenschöner Name. Ein Name wie eine Zierpflanze, und einem Tumor gewiss nicht angemessen. Violet. Lehre mich, wie man wächst; nicht, wie man nimmt.
Lass uns Freunde sein. Freunde erkennen immer, wann es Zeit ist zu gehen.”
1 : 102685000.
Ich hörte, so hoch sei die Wahrscheinlichkeit meines oder deines Daseins,
mit all unseren speziellen Anlagen, mit genau diesem Durcheinander wesenseigener Skurrilitäten. Und doch stehst du nun vor mir, ein zufälliges Wunder in verschlissenen Canvasschuhen, beißt dir auf die Unterlippe und machst dabei einen reichlich ratlosen Eindruck. Du, als die Summe dieser einmaligen Seltsamkeiten.
Vielleicht ahmst du gerne Motorengeräusche nach, wenn dich niemand hört.
Vielleicht gibst du den Topfpflanzen Namen und berichtest ihnen vom Tagesgeschehen, wenn du dich in deiner Zweizimmerwohnung sehr klein fühlst. Ich könnte mich jederzeit in deine unwahrscheinlichen Wangenknochen verlieben. Vielleicht findest du den Geruch von Heizöl erregend. Ich könnte deinen unmöglichen Handgelenken sofort vollständig verfallen.
Wie undenkbar, wie völlig absurd erscheint es demnach, dass zwei Menschen zeitgleich aufeinander aufmerksam werden, den anderen auf einmal so uneingeschränkt wahrnehmen, oder? Dass beide für einen Moment in ihrem Alltagsstumpfsinn innehalten und tatsächlich jemand den Mumm aufbringt, das Gespräch zu eröffnen? Ganz im Ernst, eher träfe einen doch an drei Ostermontagen in Folge der Blitz. Und wenn es dann doch einmal passiert, gegen jede Wahrscheinlichkeit, dann stellt man sich nach drei Minuten, mit Glück vielleicht sieben, unausweichlich die Frage, warum man sich denn plötzlich über etwas so Blödsinniges wie die Witterung unterhält, über einigermaßen unterhaltsame Filme oder darüber, wo man einmal einen richtig guten Kaffee getrunken hat. Verflucht.
13,75 Milliarden Jahre treffen sich in dieser Begegnung, und wir Esel erschöpfen sie in einigen Sekunden. Hör mir zu, ich möchte dir eine Geschichte erzählen.
